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  • AutorenbildChristian Gersbacher

Ghana: Drohen bis zu 10 Jahre Haft für queere Menschen?



Im August 2021 brachten Abgeordnete im ghanaischen Parlament einen Gesetzesentwurf ein, der harte Strafen für die LGBTQ*-Gemeinschaft und ihre Unterstützer vorsieht. Das ,,Gesetz zur Förderung ghanaischer Familienwerte“ sieht vor, dass Angehörige der LGBTQ*-Gemeinschaft mit drei bis zehn Jahren Haft bestraft werden, wenn sie sich als solche zu erkennen geben oder sich öffentlich für die Rechte queerer Menschen einsetzen. Aufgrund der homophoben Stimmung in Ghana gilt es als sehr wahrscheinlich, dass das neue Gesetz bald traurige Realität wird. Trotz der hohen Zustimmung in der Bevölkerung hat sich in den vergangenen Monaten eine Gegenbewegung formiert. Eine ihrer mutigen Stimmen ist der Menschenrechtsaktivist Davis Mac-Iyalla, der in der Hauptstadt Accra die Organisation Interfaith Diversity Network of West Africa (IDNOWA) gegründet hat, die sich für die Rechte queerer Menschen einsetzt. Über Zoom habe ich Davis getroffen und mit ihm über die aktuelle Situation, die kolonialen Wurzeln der Homophobie und sein eigenes Coming-out gesprochen.


Wer sich öffentlich als queer zu erkennen gibt, drohen lange Haftstrafen

Homosexuelle Handlungen sind in Ghana seit der Kolonialzeit strafbar. Der neue Gesetzesentwurf bezieht sich nicht nur auf sexuelle Handlungen, sondern kriminalisiert bereits die Identität. Das heißt, wenn man zum Beispiel ein Interview gibt und über queere Themen spricht, droht einem bereits eine Gefängnisstrafe, oder wenn man sich auf der Straße offen als homosexuell zu erkennen gibt, berichtet Davis. Queere Menschen in Ghana würden zum Schweigen gebracht und unsichtbar gemacht. LGBTQ*-Organisationen würden verboten. Das Gesetz spricht vom Schutz traditioneller Werte in Ghana. Das sei eine Lüge, denn Ghana sei traditionell ein sehr offenes Land, das für gegenseitigen Respekt und Vielfalt stehe, so Davis. Der Weltfamilienkongress 2019 hat die homophobe Stimmung in Ghana deutlich verschärft. Die Konferenz wurde von einer ultrachristlichen Organisation aus den USA in Ghana organisiert. Sie unterstützt konservative Stimmen in Ghana finanziell und ideologisch, um eine queerfeindliche Politik zu fördern.


Koloniale Wurzel der Homophobie

Heute wird gleichgeschlechtliche Liebe von Politiker*innen oft als Import aus dem Westen bezeichnet, doch die homophoben Gesetze sind in Wirklichkeit ein direktes Erbe des Kolonialismus. Amnesty International zeigt in dem Bericht ,,Making love a crime“ auf, dass LGBTQ* erst mit der Kolonialisierung kriminalisiert wurden. Die Kolonialmächte sahen gleichgeschlechtliche Beziehungen als Ausdruck eines kulturellen Primitivismus und zwangen daher den afrikanischen Kolonien ihre christlichen Moralvorstellung auf. Während die ehemaligen Kolonialmächte abzogen und Verbote gleichgeschlechtlicher Handlungen in ihren eigenen Ländern aufhoben, blieben die Verbote in den ehemaligen Kolonien bestehen. Vor der Kolonisierung gab es in Ghana keine Homophobie, sagt Davis. Gleichgeschlechtliche Paare wurden in der Gesellschaft akzeptiert. Neben den Einflüssen der Kolonialmächte spielt aber auch die Religion eine große Rolle. Im Senegal zum Bespiel, das überwiegend muslimisch geprägt ist, ist die Stimmung gegenüber queeren Menschen besonders schlecht.

Besprechung im Büro von Interfaith Diversity Network of West Africa (IDNOWA) in Accra

Was wollte ihr tuen, um gegen das homophobe Klima anzugehen?

Wir dürfen uns nicht durch ein Gesetz verstummen lassen. Es ist wichtig, dass wir unsere Arbeit vorsetzen können und durch Information und Aufklärung der querfeindlichen Stimmung in Ghana entgegenwirken. Die gesellschaftliche Aufklärung ist ein wichtiger Bereich unserer Arbeit. Wenn Menschen beginnen zu hinterfragen, ist auch der Kampf gegen LGBTQ* feindliche Gesetze für uns deutlich leichter.


Mein Wunsch ist es, einen eigenen Podcast für queere Themen in Ghana zu haben.

Auch durch Seminare und Weiterbildungen wollen wir Menschen in Ghana ermutigen ihre Stimme für LGBTQ* - und Menschenrechte zu erheben.

Wie wird in Medien in Ghana über queere Themen berichtet?

Die Berichterstattung über queere Menschen in Ghana ist sehr konservativ. Die Gruppe Journalist Against LGBT versucht durch Desinformationskampagnen Hass und Diskrimierung zu verbreiten. Für queere Menschen ist es wichtig, dass ihr Stimme auch in den Medien Gehöhr findet. Das offen über die Wahrheit von LGBTQ* in Ghana berichtet wird.

Wir brauchen in Ghana queere Medien und Blogger, die dabei helfen, falsche Vorurteile abzubauen.


Was können wir in Deutschland und Europa tuen, um euch zu unterstützen?

Für unserer Arbeit ist es wichtig, dass wir uns mit anderen austauschen können. Daher sind Gespräche wie mit dir für mich sehr wichtig. Ich glaube viele Menschen in Europa und Deutschland bekommen aktuell nur sehr wenig über unserer Situation in Ghana mit. Daher ist es wichtig für uns, auch über unsere Themen berichten zu können, dass Menschen sich darüber informieren und uns unterstützen können. Für unsere Arbeit und den Ausbau eines eigenen Podcast und Blog über queere Themen brauchen wir natürlich Equipement. Es fehlt leider aktuell an allen: Handys, Laptops oder Kameras, um entsprechend arbeiten zu können. Aber auch die Vernetzungen mit Organisationen aus Europa, die uns bei der Arbeit als Menschenrechtsverteidiger*innen durch Weiterbildungen unterstützen, ist für uns sehr wichtig.


Kommen wir zu deiner persönlichen Geschichte. Wie lief dein eigenes Coming Out?

Ein Coming Out ist keine afrikanische Tradition. Das kommt mehr von den westlichen Ländern. Als ich als Teenager in Nigeria gemerkt habe, dass ich auf Männer stehe, hatte ich keine Konflikte mit Familie. In den Medien waren queere Themen damals so gut wie gar nicht präsent. Niemand hat groß darüber gesprochen.


Was treibt dich an, dich für LGBTQ* Rechte einzusetzen?

Mein Glaube an Gott, den ich in all den Jahren nie verloren habe. Ich erzähle meine Geschichte, weil ich sie als ein Geschenk Gottes sehe und fest davon überzeugt bin, dass Gott mich mag, so wie ich bin. Mit meiner Geschichte möchte ich ein Vorbild für andere queere Menschen sein, ihre Stimme zu erheben. Meine Message an queere Menschen lautet:

Schaut immer nach vorne. Wenn eure Umwelt nicht sicher für euch ist, dann sucht auch einen Ort, an dem ihr in Sicherheit so leben könnt, wie ihr seid.

Sollte der Gesetzentwurf Realität werden, wäre das ein schwerer Schlag für die innere demokratische Entwicklung in Ghana. Das Land galt bisher demokratisch als vergleichsweise fortschrittlich. Auch parteipolitische Motive könnten die Abstimmung beeinflussen. 2024 stehen die nächsten Parlamentswahlen in Ghana an. Aufgrund der homophoben gesellschaftlich Stimmung könnte das Gesetz auf breite Zustimmung in der Bevölkerung stoßen und Einfluss auf das Wahlverhalten vieler Ghanaer*innen haben. Wenn du Davis Mac-Iyalla und seine Organisation Interfaith Diversity Network of West Africa (IDNOWA) bei ihrem Kampf für LGBTQ* Rechte unterstützen möchtest, findest du hier den Spendenlink.


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